Text: Torsten Seibt
Fotos: Angelika Pfaff, T. Seibt
Hardcore-Geländefahrer haben den Mercedes G fest in ihr Herz geschlossen. Der solide Eisenklotz beeindruckt durch schiere Masse, nahezu unverwüstliche Technik und höchste Geländetauglichkeit. Eines gehörte bei den älteren Baureihen aber nicht zum Lieferumfang: Leistung im Überfluss. Doch das kann man ja ändern...
Rolf Dieter Stohrer ist ein Mann, den vermutlich viele Auto-Fans beneiden. Schließlich ist der Diplom-Ingenieur aus dem hessischen Ranstadt verantwortlich für alles, was Spaß macht. Als "Produktmanager High Performance und Off Road" beim Reifenhersteller Fulda ist Rolf neben den schnellen Sportwagen auch für alle Geländewagenbereiche zuständig. In seinen Aufgabenbereich fallen Hochgeschwindigkeitsgummis für Ferrari & Co. ebenso wie Grobstolliges für Schlammkünstler.
Dementsprechend reich bestückt ist auch sein Terminkalender, das Wort "Feierabend" ist weitgehend aus seinem Sprachschatz getilgt. Dafür gibt es dann auch Erlebnisse, die "Normalsterbliche" kaum erleben werden: Porsche fahren mit Hans-Joachim Stuck in Dubai oder Wintertests mit dem ML 320 im kanadischen Yukon gehören zu Rolfs Alltagsgeschäft.
Weil Fulda als Sponsor von Geländeveranstaltungen wie der Supersylvania Trophy in Erscheinung tritt, muss Rolf auch dort präsent sein. Das bedingt einen passenden Untersatz, der vor tiefem Matsch und hohen Bergen nicht zurückschreckt und den Repräsentanten des Reifenherstellers zuverlässig überall hinbringt. Die Wahl fiel bereits vor Jahren auf einen Mercedes 300 GD der 460er Baureihe: ein neuer 463er-G wäre für die geplanten Umbauten und die herben Beanspruchungen schlicht zu schade gewesen. Das 300er Diesel-Cabrio war zwar noch völlig fit, wurde aber trotzdem zerlegt, neu lackiert und frisch aufgebaut.
Den prallgefüllten Terminkalender von Rolf erwähnten wir bereits, also mussten externe Spezialisten ran. Bei "extrem Geländewagentechnik" in Wuppertal wurde der komplette Umbau vorgenommen. Dass an einem Fulda-Vorzeigemobil die passende Besohlung installiert werden muss, war von vornherein klar. Also wurde das Fahrwerk komplett ausgetauscht und die Karosserie mit einem 40mm Body-Lift höhergelegt. Die weißen Spezialfedern (+80mm) aus dem Hause extrem ließen den G gehörig wachsen und sorgten nun trotz des kurzen Radstands für eine ausgezeichnete Verschränkung. Damit passten die 33er Fulda Tramp Trac problemlos unter das Auto. Sie verfügten über die notwendige Freigängigkeit selbst unter harten Geländebedingungen.
Unvorhergesehenen Begegnungen mit ukrainischen Braunbären und anderem Großwild nimmt der massive Rammschutz den Schrecken, der auch als Befestigungspunkt für die kräftige 8274er Warn-Seilwinde und vier PIAA-Zusatzscheinwerfer herhalten muss. Damit in solchen Situationen die Besatzung nicht vor Schreck aus den Sesseln fällt, gab es sportliche delta-Schalensitze für den kargen G-Innenraum, der ansonsten nicht gerade viel Luxus versprüht (immerhin gibt es ein Radio). Einziges Komfortmerkmal des ansonsten spartanischen Ur-G ist das nachgerüstete Hardtop, das jetzt das fummelige und elend laute Stoffdach ersetzt.
Kleines Nachrüst-Extra: Die Zusatzbeleuchtung für den Beifahrer, der mittels des flexiblen Strahlers auch bei Nacht und Nebel noch Landkarten und Roadbooks entziffern kann. Bei Auslandseinsätzen abseits der Zivilisation nimmt ein 16 Watt starkes Motorola-Funkgerät seinen Platz auf dem Armaturenbrett ein und hält die Verbindung zu Begleitfahrzeugen und Basiscamp aufrecht.
Nach diesen Maßnahmen war der G zwar hübsch anzusehen, untenrum passend hergerichtet und frisch gestählt für die echten Herausforderungen abseits der Straße. Doch die Anreise von Fulda in die Ukraine auf Achse gehörte anschließend nicht unbedingt zu den aufregenden Erfahrungen im Leben des Rolf-Dieter Stohrer. Der Saugdiesel kapitulierte vor den 33er Reifen und dem Kampfgewicht von zwei Tonnen. Mit der Bezeichnung "verhalten" war das Temperament des Fulda-G noch gelobt. Im Gelände funktionierte das zwar noch ganz passabel, weil die kurze Untersetzung jedem einzelnen der 88 Pferde die Peitsche gab. Richtig lange Steilhänge waren allerdings nur lustig, wenn sie bergab befahren wurden - alles andere wurde zu einer Geduldsprobe. Rolf sann auf Abhilfe.
Sie fand sich in Form eines etwas benutzten Uralt-G: Der 230er hatte anlässlich der Jelcz-Rallye in Polen nach einem filmreifen Überschlag sein Leben ausgehaucht. Es handelte sich allerdings um einen echten Ballermann: Versehen mit einem Fünfliter-V8-Motor aus einer S-Klasse der frühen achtziger Jahre stand sich das Gerät als Häufchen Elend in einer Werkstatthalle die Reifen platt. Rolf erfuhr von dem Organspender, der bemitleidenswerte G wurde nach Wuppertal transportiert, und Ralf Heinemann packte die Schraubenschlüssel aus.
Die alten Achtzylinder aus dem Hause Daimler zeichnen sich nicht gerade durch filigran-Bauweise aus. Es dauerte deshalb ein paar Stunden, bevor das Monster seinen Platz unter der kleinen Motorhaube des Fulda-Mobils fand. Viel Luft ist jetzt nicht mehr im Maschinenraum, dafür dirigiert Rolf nun gesunde 240 PS, die über eine Viergang-Automatik auf die Achsen losgelassen werden.
Leistung macht lustig, also gab es wieder grössere Socken für den G. Nunmehr thront das Gerät auf beeindruckenden 35x12,5/15er Tramp Trac. Der alte Diesel wäre bei diesem Geläuf wahrscheinlich endgültig röchelnd zusammengebrochen. Mit dem Achtzylinder kommt dagegen richtig Freude auf.
Nun gibt es Saft in allen Lebenslagen. Beim Fototermin nutzten wir die Gelegenheit, auch einmal die Straßenqualitäten des Mercedes unter die Lupe zu nehmen. Und dabei machte sich echtes Erstaunen breit: Trotz der dicken Gummis existiert so etwas wie Geradeauslauf, man kann bremsen und beschleunigen, ohne im Straßengraben zu landen, und auf der Autobahn legt der Gewalt-G richtig Tempo vor. Wenn´s sein muß läuft der schwarze Riese über 160, akzeptable Reisegeschwindigkeiten von 130 sind machbar.
Im Gelände gibt es das Thema Leistung nicht mehr. Zwei Achssperren, vier 35er MT-Reifen und acht Zylinder beantworten jede Frage nach Vortrieb auch im tiefsten Schlamm. Und die Automatik erlaubt jede Fahrweise von der behutsamen Klettereinlage bis zum Gewaltritt am Steilhang.
Über den Verbrauch wollen wir an dieser Stelle nicht reden, das Mobil wird schließlich nicht zum Semmeln holen benutzt. Und schließlich sind gelegentliche Tankstopps zum Proviant fassen und Auftanken auch der Fahrsicherheit zuträglich. Auf großen Trophys ist es sowieso egal, was der V8 wegschluckt - da fährt meistens ein Tankwagen von Camp zu Camp.