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Oder: Plädoyer für den Verteidiger
Jens Störmer

In der Englischen Zeitschrift "Land Rover Owner", vielen Rover-Blatt Lesern bekannt, erschien in der Ausgabe 8/97 ein Artikel von Jack Jackson (sogen. "Expeditionsveteran"), in dem er alte (bzw. blattgefederte) und neue (schraubengefederte) Land Rover miteinander im Hinblick auf ihre Eignung für Expeditionsreisen vergleicht.
Nachdem sich im RB 11/12 97 auch Frank Janzowski mit diesem Artikel befasste hat und einige Passagen daraus zitiert hat, möchte ich hier nun das Wort für die Schraubenfeder-Fraktion ergreifen.
Jack Jackson kommt zu dem Schluß, daß alte
Landies (also Serie I-III und 101) aus diversen Gründen besser als
Reisefahrzeug geeignet seien als moderne Land Rover. Bei seiner Argumentation
bezieht er sich vorrangig auf den Defender, ohne dessen Namen in den Mund
zu nehmen. Beim Gedanken daran, daß jemand mit einem Discovery oder
gar Range Rover eine größere Reise unternimmt, dürfte der
gute Jack wahrscheinlich von Schüttelfrost und Hautausschlag geplagt
werden. In einigen Bereichen stimme ich Jackson sogar zu (vor allem natürlich
der Rubrik "OLD, Disadvantages:"), einiges kann aber nicht unwidersprochen
bleiben.
J.J.: "Blattfedern zwingen zu langsamerer Fahrweise auf schlechten Wegen, daher ist das Risiko von Beschädigungen, Reifenpannen und Unfällen geringer."
Dieser Logik zufolge müsste man Fahrzeuge auch mit
möglichst schlechten Bremsen ausrüsten, damit vorrausschauend
und defensiv gefahren wird und sich somit die Unfallhäufigkeit reduziert.
Ich persönlich bin jedenfalls durchaus selbst in der Lage, ein der
Geländebeschaffenheit angepasstes Tempo zu wählen, das höhere
Potential eines Schraubenfederfahrwerks gibt mir aber in Extremsituationen
mehr Möglichkeiten, im Gelände wie auf der Straße. Ganz
abgesehen davon, daß man auch längere Verbindungsetappen ohne
bleibende gesundheitliche Beeinträchtigungen hinter sich bringen kann.
J.J.: "Eine Blattfeder kann man leichter reparieren."
(Die vielzitierte Dorfschmied-Legende).
Stimmt. Das ist allerdings auch häufiger notwendig. Schraubenfedern dagegen sind fast unzerstörbar, mir ist jedenfalls bisher äußerst selten etwas über gebrochene Schraubenfedern zu Ohren gekommen. Sollte dies doch einmal vorkommen, dann bricht eine Schraubenfeder immer in der letzten Wicklung und bleibt
somit eingeschränkt verwendungsfähig. Selbst bei völliger Zerstörung der Schraubenfeder könnte man den Abstand zwischen Rahmen und Achse mit Holzklotz oder Ähnlichem und Gurten fixieren, denn die Achsführung wird ja von den Achslenkern übernommen, anders als bei Blattfedern, denen zusätzlich zur Aufgabe der elastischen Verformung auch noch die Führung in Längs- und Querrichtung aufgebürdet wurde.
Ein weiterer Nachteil von Blattfedern ist das höhere Gewicht, das zu größeren ungefederten Massen und daraus resultierender Erhöhung der Belastung von Reifen und Radlager führt. Auch die Bodenfreiheit unter der Achse wird durch das Federpaket eingeschränkt. Die Fahrwerkstechnisch unerwünschte Eigendämpfung durch Reibung sei hier nur am Rande erwähnt. Schraubenfedern sind übrigens absolut wartungsfrei.
J.J.: Servolenkung ist bei alten Fahrzeugen ein Extra." (Steht in der Rubrik Vorteile).
Darüber mußte ich lange nachdenken. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß uns der Verfasser hiermit sagen möchte: wo keine Servolenkung ist, kann auch keine kaputtgehen. Da hat er prinzipiell recht, zumal eine gewisse Anfälligkeit des Servolenksystems nun einmal besteht. Man möge mir Verweichlichung vorwerfen, aber für die Handlingvorteile einer Servolenkung bin ich gerne bereit, eine Ersatz-Servopumpe und die Druckschläuche mit auf Reisen zu nehmen. Ausreichend ATF zum Nachfüllen hat man wegen des Schaltgetriebes sowieso dabei, und bis das Lenkgetriebe endgültig aufgibt ist man längst wieder Zuhause. Dafür kann man verwinkelte Passagen entspannt genießen und läuft weniger Gefahr, sich die Daumen zu brechen.
J.J.: "Alte Land Rover haben Anwerfkurbeln und Ölbadluftfilter serienmäßig."
Neue Land Rover haben zuverlässige Anlasser und effektive Papierluftfilter serienmäßig. Zum einen halte ich die Abscheidewirkung von Ölbadfiltern für unzureichend, zum anderen sind mehrere Wegwerf-Papierelemente immer noch wesentlich umweltfreundlicher als die Sauerei, die beim Reinigen eines Ölbadfilters entsteht. Wer die Staubbelastung des Filters reduzieren will, der lege die Luftansaugung mittels eines Schnorchels auf Dachniveau, der Effekt ist enorm.
Zieht man nun noch die von Jack Jackson angeführten, unbestreitbaren Vorteile von Landies der neuen Generation in Betracht, so komme ich zu einem ganz anderen Ergebnis bezüglich Expeditionstauglichkeit:
Dies alles heißt nicht, daß man mit einem Series Landy am besten Zuhause bleibt, es geht hier auch nicht um die Frage, wieviel Geld man für ein zuverlässiges Reisefahrzeug ausgeben muß. Aber die Behauptung, die schraubengefederten Modelle seien nur für geringe Beanspruchungen in England und den übrigen "first-world"-Ländern geeignet, in Afrika etc. aber "weniger wünschenswert", halte ich doch für etwas verwegen.
Für einen echten Schwachpunkt der neuesten Modelle halte ich aber die rasant zunehmende Komplexität. Airbag, ABS, Electronic Diesel Control (Drive by wire) usw. sind mittlerweile zum Standard geworden, selbst den Defender bekommt man (jedenfalls bei Rover Deutschland) nicht mehr ohne elektronische Wegfahrsperre. Elektrische Fensterheber, elektrisch einstellbare Außenspiegel und Sitze, Klimaanlage, Zentralverriegelung und eine geradezu fanatisch betriebene Geräuschdämmung treiben das Gewicht nach oben und reduzieren die mögliche Zuladung, die auf Reisen für Wasser, Treibstoff und Ausrüstung zur Verfügung steht. Das beste Fahrwerk nützt wenig, wenn die elektronischen Helferlein in den Ausstand treten und der Zentralrechner daraufhin beschließt, das Fahrzeug stillzulegen und dem Besitzer den Zutritt zu verwehren. Dann ist nicht der Schraubenschlüssel gefragt, sondern die Fehlerbeseitigungs-Software zum Download aus dem Internet. Fragen Sie Ihren System-Administrator.
Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob nicht ein kleines Kontingent der jährlich produzierten Geländewagen von der Einhaltung diverser gesetzlicher Vorschriften befreit wird und dafür ausschließlich an jene verkauft werden darf, die ein berechtigtes Interesse nachweisen können, ähnlich der Bedürfnisprüfung für Jagdwaffen. Analog zum Tierschutz-Gesetz würde nur berücksichtigt, wer seinem geliebten Allradler ein artgerechte Haltung mit genügend Auslauf in dessen natürlichem Lebensraum bieten kann.
Meinungen hierzu könnt Ihr
gerne beim
EXTREM-Diskussionsforum
loswerden.
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